halle-neustadt.info

Sie benötigen einen SVG-fähigen Browser!
Skip to: site navigation/presentation

Es war der pure Luxus

Bisher keine Wertungen

Veröffentlicht am Mittwoch 04 August 2004 08:58:03 von pawel
news.gifHalle/MZ. "Nur wegen der Wohnung bin ich nach Halle-Neustadt gekommen. Der Bau der Chemiearbeiterstadt war ja damals in aller Munde", erzählt Anni Halle. Anni und Eberhard Halle stehen vor ihrem Wohnblock in Neustadt Vor ihr auf dem Tisch liegt ein schwarz-weißer schon vergilbter Zeitungsartikel. Das Foto zeigt Knirpse in Mäntelchen und Gummistiefeln mit ihrer Kindergärtnerin, die vor einem Bauzaun stehen. Im Hintergrund ragen Kräne in den wolkigen Himmel. Das Bild entstand in den 60er Jahren. Und ein Mädchen auf dem Foto ist ihre Tochter Barbara.
Anni Halle ist 65 Jahre alt. Seit mittlerweile 38 Jahren lebt sie in Neustadt. Die kleine zierliche Frau ist Zeitzeugin, hat gesehen, wie auf einer großen grünen Wiese eine Stadt empor wuchs.

Im Januar des Jahres 1966 hatte die damals 26-Jährige Gotha verlassen und in Halle-Neustadt eine Zwei-Raumwohnung im Block 604, Haus 8, bezogen. "Ich war so glücklich über die ferngeheizte Wohnung. In Gotha musste ich das Wasser von der Straße holen und hier floss es in der Küche aus der Leitung", schwärmt die Rentnerin noch heute. "Es war der pure Luxus für mich in Halle-Neustadt wohnen zu dürfen."

Sie weiß es noch genau: Immer, wenn sie die kleine Barbara in den Kindergarten "Sandmännchen" gebracht hatte, machte sich Anni Halle auf den Weg nach Schkopau ins Buna-Werk - in Gummistiefeln. "Die Stadt befand sich im Bau. Die Blöcke schossen wie Pilze aus dem Boden. Und Straßen gab es noch nicht. Alles war aufgerissen und schlammig", erinnert sich die gelernte Kauffrau.

Im Jahre 1969 bezog Anni Halle eine größere Wohnung im Block 036, Haus 5, an der Magistrale. Hier lebte sie 30 Jahre lang, arbeitete erst im Wohnungsbaukombinat und später im Waggonbau Ammendorf. In ihrer Freizeit half sie der Hausmeisterin, fühlte sich zuständig für ihre Mitmenschen. Sie denkt jetzt noch gern an die "wunderbare Hausgemeinschaft" zurück. Doch nach der Wende nahm der Verkehr zu, und als man auch noch die Straßenbahn baute, wurde der Lärm bald unerträglich. Das Ehepaar Halle entschloss sich, noch einmal umzuziehen - in einen vollsanierten Block in Neustadt.

"Neustadt ist unsere Heimat geworden. Wir wollten nie woanders hin, und hier werden wir auch bleiben", sagen Anni und Eberhard Halle. Außerdem schätzen sie die nahen und vielfältigen Möglichkeiten einzukaufen. "Mit der Straßenbahn bin ich in wenigen Minuten in der Innenstadt, das Ärztehaus ist um die Ecke. So bin ich nicht immer auf meinen Mann und das Auto angewiesen. Vorzüge, die man so nur in Neustadt hat", zählt Anni Halle auf.

Einzig und allein das Stück ungepflegte Grünfläche, auf der ein wilder Apfelbaum wächst, der das Straßenschild verdeckt, ist der akkuraten Frau ein Dorn im Auge. Vom Küchenfenster aus zeigt sie auf die Stelle: "So ein verloddertes Stück. Aber das schaffe ich nicht noch mit zu pflegen."

Danach kehrt sie an den Wohnzimmertisch zurück, auf dem sich neben dem alten Zeitungsartikel auch noch Fotomappen angesammelt haben. Ein bisschen wehmütig, aber doch glücklich schaut Anni Halle darauf. "Viele junge Menschen können das vielleicht nicht mehr verstehen. Ich aber würde Halle-Neustadt gegen nichts eintauschen wollen."

Lesen Sie den Originalartikel von Julia Ohlendorf hier.