Skip to: site navigation/presentation
Die Stadt mit Lakritzgeschmack
Veröffentlicht am Freitag 18 Februar 2005 19:40:08 von pawel
Halle/MZ.Als erstes nach Halle-Neustadt? So mancher war überrascht zu hören, dass der Weg, der die Kulturhauptstadt-Jury heute durch die Bewerberstadt Halle führt, ausgerechnet im Plattenbau-Satellit beginnen soll. Hat man etwa nicht den Giebichenstein zu bieten, der Saale hellen Strand? Ja, gewiss, aber Halle bewirbt sich nicht mit einem Tourismus-, sondern einem Kulturkonzept. Dessen Leitbegriff heißt "Veränderung". Dabei spielt der Stadtumbau eine Rolle.
Auch der von Halle-Neustadt. Und wie weit im Jahr 2010 das überregionale Kulturinteresse an Halle reicht - ob mit oder ohne Hauptstadt-Titel, jedenfalls aber mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) - das entscheidet sich eben auch am Maß der Veränderung der sozialistischen Musterstadt und ihrer Beziehung zur Altstadt.Umfassender Wandel
Trotz jahrelanger Diskussionen und Aktionen in den ost- wie westdeutschen Großsiedlungen gibt es noch keine, die einen umfassenden und radikalen Wandel durchgehalten hat. Auch nicht Wolfen-Nord, das Quartiere abreißt und zu Expo-Zeiten einen Erlebnispfad gelegt hat. Auch nicht Leinefelde, das vor allem mit Eingriffen in die Architektur der Plattenbauten von sich Reden gemacht, freilich auch großzügig Fördermittel ausgegeben hat.Die Ausgangslage für Halle-Neustadt ist in den Umrissen schnell beschrieben. Von den zur Spitze 91 000 Einwohnern sind noch knapp 55 000 übrig geblieben. 7 000 der 35 000 Wohnungen stehen leer. Schon jetzt zeichnet sich an der Altersstruktur ab, dass derzeit noch stabile Quartiere bald zum Problemfall werden.
Auf einem Kongress der IBA in Halle-Neustadt hat ein Vortrag des Urbanisten und Bauhaus-Mitarbeiters Kai Vöckler jüngst den Anfang damit gemacht, das Nachdenken über Halle-Neustadt durch das Undenkbare zu fokussieren. Ausgedrückt in Extremen sähen Vöcklers Szenarien zum Beispiel so aus: ein Museum ("Wohnen im Original-Ambiente der Stadt der Chemiearbeiter"); ein Zukunftslabor ("alternative Wohnformen, neue Infrastruktur, neue Technologien"); aber auch Einzäunen und den Neubauten beim Einstürzen zusehen.
Undenkbare Ideen
Das mag Theorie sein, aber wenn es nach der durchaus realistisch denkenden halleschen Stadtplanerin Elisabeth Merk geht, wird Halle Neustadt eine Transformation erleben, die alles bisher Vergleichbare hinter sich lässt. Wie die bekannten bunten Lakritzen nennt sie ihren mit einem Fachteam erarbeiteten Plan "Kolorado" und präsentiert ihn auch so: als "Stadtplanung, die schmecken kann".Der ist nämlich zusammengesetzt aus Versatzstücken, die aus der Stadt der Monotonie eine Stadt der Kontraste machen. Die vorhandene Großstruktur will sie in möglichst kleine räumliche Einheiten aufteilen. Darin können vorhandene oder auch neu zu gewinnende Bürger die Entwicklung mitbestimmen.
In dem "Werkzeugkasten", den sie bereitstellt, findet sich wiederum so manche "undenkbare" Idee: ökologisch orientierte Menschen ziehen in Quartiere, die auf Sonnenenergie umgestellt sind; Untergeschosse von Wohngebäuden werden abgerissen, so dass Stelzenhäuser in zusammenhängendem Grün stehen; nach Ost und West ausgerichtete Riegel werden abgerissen und dort Weinberge angelegt; wo gewünscht wird alles so gelassen wie es ist; oder man könnte auch ein Quartier einmauern und zuwachsen lassen. Selbst an Bordelle denkt die Planerin: "Spezielle Orte der Begegnung", und an Sprengungen auch: "Könnten Volksfestcharakter bekommen".
Ob Halle-Neustadt auch eine Stadt der Kultur werden könnte, das erproben ja schon einige Initiativen, von "Hotel Neustadt" des Thalia-Theaters bis zu den experimentellen Ausstellungen des "Kultur / Block". Im Projekt Kolorado heißt es lakonisch: Wenn nur einige der Kulturinstitutionen (Alt-)Halles spezielle Programme nach Neustadt verlegen würden, würde der Ort sofort an Attraktivität für viele Bürger gewinnen.
Günter Kowa für die MZ
Weitere Links: Der Originalartikel der Mitteldeutschen Zeitung
