Dokumentation der Kinder- und Jugendwahl
Dokumentation der Kinder- und Jugendwahl am 04.Juni 2004 in Halle-NeustadtInhaltsverzeichnis
1. Zielstellung des Projektes

1.1 Was ist eine U16 - Wahl?
1.2 Ziele der U16 - Wahl
2. Rahmenbedingungen des Projektes
3. Durchführung der U16-Wahl
3.1 Akquisition der Wahllokale
3.2 Erstellen von Material zur Öffentlichkeitsarbeit und Verteilung
3.3 Kontaktaufnahme zur Presse
3.4 Erstellen von Material zur Durchführung der Wahl
3.5 Schulhofaktionen
3.6 Orientierungsmaterial für Wähler
3.7 Wahlhelferschulung
3.8 Der Wahltag
3.9 Auswertung
4. Ausblick
1 ZIELSTELLUNG DES PROJEKTES
1.1 Was ist eine U16 - Wahl?
U16 ist ein Projekt der politischen Bildung innerhalb der Jugendarbeit. U16 greift das gesellschaftliche "Event" Kommunalwahlen auf, integriert es in die alltägliche Jugendarbeit und versucht, die Kinder und Jugendlichen an dem teilhaben zu lassen, was "draußen" passiert. U16 ist das Pendant zur "echten" Wahl.
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren haben die Möglichkeit, in einem Wahllokal ihres persönlichen Umfeldes auf "originalen" Wahlscheinen ihre Stimme abgeben zu können. Als Wahllokale kommen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen, Schulen und Schulclubs in Betracht. Mobile Wahllokale suchen Jugendliche dort auf, wo sie sich aufhalten (z.B. Einkaufszentren, Spiel- und Sportplätze etc.).
Natürlich wurden die Kinder und Jugendlichen im Vorfeld auf die Wahl aufmerksam gemacht, es wurde mit ihnen diskutiert und die Verschiedenheit der Parteien und ihrer Programme vermittelt.
1.2 Ziele der U16 - Wahl
Am Freitag, dem 04. Juni, eine Woche vor der Kommunalwahl, finden Wahlen für nichtwahlberechtigte Kinder und Jugendliche in Halle - Neustadt statt. Dieser Zeitpunkt ermöglicht die Präsentation der Ergebnisse in den Medien, um somit für die Belange von Kindern und Jugendlichen die größtmögliche Öffentlichkeit zu erreichen.
Zunächst braucht eine erfolgreiche inhaltliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Basis immer das Interesse der AdressatInnen. So kann auch das in §1 SGB VIII formulierte Ziel der Schaffung oder Erhaltung einer kinder-, jugend- und familienfreundlichen, ja menschenfreundlichen Umwelt nur durch die Einmischung und Beteiligung auch der Kinder und Jugendlichen realisiert werden.
Die Kluft zwischen Kindern und Jugendlichen und der Politik ist allerdings ziemlich tief. Es gilt also, Brücken zu bauen, Politik für Kinder und Jugendliche erfahrbar zu machen und Kinder, Jugendliche und PolitikerInnen ins Gespräch zu locken.
Wenn Politik konkret, anhand von Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen, erklärt werden kann, dann kann ein Zugang zu den Jugendlichen gefunden werden, der Interesse weckt, Diskussion ermöglicht und Jugendliche aktiv werden lässt.
Die Aktion U16 - Wahl sollte den Kindern und Jugendlichen Hilfestellung bieten, sich mit Freunden, Eltern und Erwachsenen über Politik auseinander zu setzen, eigene Bedürfnisse zu formulieren und bereits vorhandene Einmischungsstrukturen zu nutzen.
Die Initiativgruppe U16 - Wahl hat für die Wahl folgende Zielsetzungen formuliert:
- politische Themen kind- bzw. jugendgerecht diskutieren,
- Kindern und Jugendlichen die Verbindung von Wahlen und der Einflussnahme auf die Gestaltung ihres Umfeldes deutlich machen und ihr Interesse an politischen Fragen steigern,
- die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen stärker in den Blickpunkt der Politik und Öffentlichkeit rücken,
- die Meinung der Kinder wahr- und ernstnehmen
Kinder sind durchaus in der Lage, ihre eigenen Interessen zu artikulieren und wahrzunehmen. Schon im Artikel 12 der UN- Kinderrechtskonvention wird deutlich, das es wichtig ist, das Kinder partizipieren.
Kinder werden als eigenständige Zielgruppe von der Politik kaum wahr genommen. Die Kinderwahl bietet die Chance, sich mit den Interessen und Bedürfnissen der Kinder auseinander zu setzen. Die Kommunalpolitiker, die bereit sind sich mit Kindern und Jugendlichen in den politischen Dialog zu begeben, bekommen die Gelegenheit, das kreative Potential von Kindern für Kinder zu nutzen.
2 RAHMENBEDINGUNGEN DES PROJEKTES
Die Kinder- und Jugendwahl U16 war ein Mikroprojekt, welches im Rahmen eines LOS ? Programms bearbeitet wurde. Das eigentliche Projekt sollte mehreren Studierenden, im Rahmen eines Praktikums, ermöglichen, durch den Erwerb von, im Studium nicht oder nur bedingt erlernbarer, aber für viele Stellen notwendiger, Fähigkeiten, ihre Arbeitsmarktchancen zu erhöhen.
In diesem Rahmen schrieb die AWO Begegnungsstätte "Dornröschen" mehrere Stellen über den Zeitraum April bis Juni aus und gewann drei Studierende, die das Projekt U16 - Wahl in den nächsten Monaten durchführen wollten. Diese drei Studierenden waren Mamad Mohamad, Sozialpädagogikstudent im 4. Semester; Kerstin Nebel, Erziehungswissenschaftstudentin im 14. Semester und Katharina Arnold, Sozialpädagogikstudentin im 10. Semester. Es kristallisierte sich schnell heraus, dass alle drei sehr unterschiedliche Erfahrungen in dieses Projekt einbringen konnten. Durch die dreimonatige Zusammenarbeit wurde so von den Erfahrungen der anderen profitiert.
Die Idee, in Halle eine gesamtstädtische Kinder- und Jugendwahl parallel zur Kommunalwahl durchzuführen, entstand schon im Herbst 2003. Gegen Ende des Jahres nahm eine eigens dafür gegründete Initiativgruppe, bestehend aus Vertretern des Stadtschülerrates, der regionalen Servicestelle Jugendbeteiligung, des Kinderbüros, des Jugendamtes und der AWO Begegnungsstätte "Dornröschen" die Arbeit auf.
Diese beendete ihre Arbeit aber wieder, nachdem die Stadt, genauer, die Beigeordnetenkonferenz entschieden hatte, dass sich die Stadt nicht an einer solchen Art von Projekt beteiligen könne, um dem Verdacht der Wahlbeeinflussung zu entgehen. Nach diesem Beschluss mussten alle städtischen Vertreter die Arbeit an diesem Projekt aufgeben und auch die Jugendvertreter entschieden sich, die Initiativgruppe zu verlassen. Die AWO führte das Projekt dennoch durch. Auch wenn es die Initiativgruppe U16 - Wahl zu Beginn somit nicht mehr gab, konnten doch auf eine Reihe von Vorarbeiten zurückgegriffen werden, die von ihr geleistet wurde. So hatte ein Workshop mit Kindern und Jugendlichen stattgefunden, indem Logos und Sprüche für Plakate entworfen wurden. Auch wurde eine Wahlordnung erstellt. Alle Schulen und Parteien waren angeschrieben, und um ihre Teilnahme an dem Projekt gebeten worden. So waren diese Gruppen schon informiert und es gab auch einen kleinen Rücklauf von zwei Schulen und einer Partei.
Das tatsächlich durchgeführte Projekt U16 - Wahl unterschied sich dennoch in einigen wesentlichen Punkten von dem geplanten der Initiativgruppe U16 - Wahl. Da die AWO Begegnungsstätte "Dornröschen" nun alleiniger Initiator des Projektes war, wurde das ganzstädtische Projekt abgespeckt und nur auf Halle-Neustadt begrenzt. Es sollte also innerhalb von zwei Monaten eine Kinder- und Jugendwahl in Halle-Neustadt organisiert werden. Innerhalb dieser zwei Monate erfolgte die Einarbeitung in die Thematik, die Auseinandersetzung mit dem Konzept und der Aufbau von nötigen Strukturen für die Umsetzung des Projektes.
Es konnte auf viele frühere Kooperationspartner, wie städtische Jugendfreizeiteinrichtungen, Stadteilbüros, etc. nicht mehr zurückgegriffen werden, da sie der Kommune unterstellt sind. Aber auch das Schulamt zog sich, aus nicht nachvollziehbaren Gründen von dem Projekt zurück. Es weigerte sich sogar, gestellte Anträge auch nur anzunehmen. Dadurch wurde die Kooperation mit Schulen stark erschwert, da viele Schulen ohne eine offizielle Genehmigung des Schulamtes nicht bereit waren, zu kooperieren. Ein weiteres Problem stellte die Zeit dar. Die Kurzfristigkeit ließ einen sehr geringen Handlungsspielraum zu, sie erschwerte es, die Kinder- und Jugendwahl in fundierte politische Bildungsarbeit einzubetten. Direkt vor der Kinder- und Jugendwahl waren Pfingstferien, die ein Erreichen der Zielgruppe erschwerten. Die Motivation zu Durchführung wurde in der Auseinandersetzung mit den Kindern und Jugendlichen erlangt, hier zeigte sich ein spürbares Interesse an der Wahl.
3.DURCHFÜHRUNG DER U16 - WAHL
3.1 Akquisition der Wahllokale
Zu den wichtigsten potentiellen Partnern der U16 - Wahl gehörten die Schulen von Halle ? Neustadt. Das Bestreben bestand darin, möglichst vielen Kindern die Gelegenheit zu geben, sich thematisch und aktiv mit der Kinder- und Jugendwahl auseinandersetzen zu können. Parallel wurde mit den Direktoren und Schülerräten der Halle ? Neustädter Schulen Kontakt aufgenommen.
Mit der Bereitschaft zur Mitarbeit von 4 Schulen wurde ein Zugang zu etwa 2000 Schulkindern ermöglicht.
Daneben waren der Jugendclub "Weiße Rose" und die Begegnungsstätte "Dornröschen" bereit, im offenen Bereich Wahllokale einzurichten.
Zusätzlich deckte die Variante, 6 Wahlmobile in Einsatz zu bringen, einige Lücken im Wahlbezirk ab.
Bei der Akquisition der Wahllokale wurde deutlich, dass die Partizipation von Kindern und Jugendlichen durch eine Wahl sehr umstritten diskutiert wird. Eine langfristig geführte Diskussion zum Thema erlaubte das Zeitbudget allerdings nicht.
So kam es dazu, dass viele Schulen nicht mitmachten, weil sie ihre Schüler für politisch inkompetent hielten. Einige begründeten die Nichtbeteiligung mit organisatorischen Problemen. Allein 6 Schulen waren zunächst bereit, traten dann aber zurück, weil eine Genehmigung vom Staatlichen Schulamt nicht zu bekommen war.
Entscheidend bei der Akquisition der Wahllokale war, gleichzeitig Orte der Kommunikation zu erschließen, in denen sich Kinder und Jugendliche im Vorfeld der Wahl mit politischen Themen auseinander setzen können. Es mussten also überall auch Mitstreiter gefunden werden, die einen Teil der Verantwortung tragen konnten.
Dem Anspruch gemäß, hätten es Kinder und Jugendliche sein sollen. Die Schülerräte waren mit dieser Aufgabe jedoch überfordert. Es blieb also bei der Einrichtung von Wahllokalen, die zum größten Teil von Erwachsenen organisiert wurden, von Direktoren, Schulsozialarbeitern und Sozialkundelehrern. Einige Schüler wurden als Wahlhelfer gewonnen.
3.2 Erstellen von Material zur Öffentlichkeitsarbeit und Verteilung
Vom Kinder- und Jugendrat der Stadt Halle wurden, die von ihnen entwickelten, Slogans und Logos zur Verfügung gestellt, die auf den Aufklebern, Flyern und Plakaten ihren Platz fanden.
In den Räumen der Begegnungsstätte "Dornröschen" wurde gedruckt, vervielfältigt und geschnitten, da die dort ansässige Kinderdruckwerkstatt, bei der Erstellung der Plakate behilflich war.
Postkarten wurden vom Druckwerk Halle zur Verfügung gestellt, weil der Kinder-Kino-Klub "Kleiner LUX" seinen Bonus von 2000 Karten der U16 - Wahl überlassen hatte. Sie wurde von Matthias Rick, Raumlabor Berlin, layoutet. Es zeigte sich, dass die Botschaften der Aufkleber wie:
- "JUGENDLICHE SIND AUFMÜPFIGE ROTZWÄNSTE, ODER???" &
- "SCHULSCHLIEßUNG FETZT, ODER???"
von vielen Kindern und Jugendlichen nicht als Provokation oder Frage verstanden wurden, sondern als wahrheitsgemäße Aussagen. Einige Jugendliche fühlten sich sogar beschimpft. Diejenigen, die die Botschaften annehmen konnten, waren von den Aufklebern begeistert. Flyer wurden eher als lästig empfunden.
Die gleiche Erfahrung wurde bei den Schulhofaktionen in der 2. Maiwoche gesammelt. Hier wurde von vornherein darum gebeten, auf Flyer zu verzichten, weil sie erfahrungsgemäß als Müllberge auf den Schulhöfen endeten.
Plakate gingen an die Schulen, ebenso Postkarten. Die Organisatoren übernahmen die Gestaltung der Verteilung eigenverantwortlich. Einige Schüler vom Schülerrat der Humboldt-Schule verwiesen darauf, dass die meisten Kinder und Jugendlichen von Plakatierung überfüttert sind und deswegen diese Art von Bekanntgabe kaum fruchten wird.
Interesse konnte jedoch in der Sekundarschule Kastanienallee bei den Schülern erzeugt werden. Es gab eine feste Informationsstelle für die Kinder und offensichtlich wurde die Kinderwahl hier mehr als angekündigt. Reflektiert muss angemerkt werden, dass die Verteilung über feste Informationsstände erfolgen sollte und immer mit Gesprächen verbunden sein sollte.
Ein entscheidendes Kommunikationsmittel sollte die Seite der U16 -Wahl auf www.halle ? neustadt.info sein. Hier können Interessenten weiterhin Informationen rund um die Kinder- und Jugendwahl bekommen und Kommentare im interaktiven Raum der Seite hinterlassen. Bei Aktionen wurde immer wieder auf diese Seite verwiesen. Allerdings muss man kritisch bewerten, dass vorrangig Erwachsene, Nutzer der Seite sind, in der Hoffnung, dass sie MultiplitatorInnen sein können. Immerhin bestand so eine Möglichkeit, die Kommunikation mit Politikern, Journalisten und Lehrern während der Vorbereitungsphase und darüber hinaus zu unterstützen.
3.3 Kontaktaufnahme zur Presse
In der 2. Maiwoche wurde die Mitteldeutsche Zeitung, der Mitteldeutsche Rundfunk und das Bürgerradio CORAX mit einem Pressetext beliefert. Daraufhin wurde in der MZ die Wahlhelferschulung zum Anlass genommen, erstmals auf das Projekt hinzuweisen. Es folgten zwei weitere Beiträge zum Wahltag und die spätere Veröffentlichung der Wahlergebnisse. In der Radio ? Kindersendung Figarino beim Mitteldeutschen Rundfunk kamen eine Wahlhelferin, Skadi Möbius, 14 Jahre von der Humboldt ? Schule und Frau Bergner von der CDU zum Thema Kinderwahl in Halle ? Neustadt zu Wort.
Die Redaktion des tagesaktuellen Programms bei Radio CORAX hatte zwei Tage vor der Wahl zu einer Livesendung eingeladen, in der neben Zielen und Inhalten, alle Wahllokale bekannt gegeben werden konnten.
Die AWO-Zeitschrift stellte das Projekt nach einem Interview ausführlich vor. Die Neustädter Nachrichten berichteten mit einem Beitrag über die U16 - Wahl, ebenso die Obdachlosen-Zeitung "Pflaster".
TV-Halle war daran interessiert, Schulhofaktionen zu filmen und einen Beitrag zu erarbeiten. Allerdings sperrten sich hier die Schulen und es kam zu gar keinem Filmbeitrag. Das Problem der Schulen bestand darin, die Zustimmung der Eltern einzuholen. Der Aufwand erschien zu groß.
Die Behandlung des Projektes in den öffentlichen Medien war zufriedenstellend.
3.4 Erstellen von Material zur Durchführung der Wahl
Wahlurnen wurden im Werkunterricht der Schule für Lernbehinderte "Makarenko" gebaut. Bei den Schulhofaktionen und bei der Wahlhelferschulung haben, die noch etwas schlichten Holzkisten, farbigen Pep bekommen. Diese Spray - Aktionen erfreuten sich höchster Beliebtheit und so gestalteten die Schüler der verschiedenen Schulen ihre Wahlurnen völlig individuell.
Die Wahlordnung haben wurde nach einer Vorlage des Kinder- und Jugendrates erarbeitet. Sie wurde vervielfältigt und den einzelnen Wahllokalen zwei Wochen vor dem Wahltag übergeben.
Beim Entwurf der Wahlzettel war es wichtig, die Parteien und Gruppierungen aufzuführen, die auch zur Kommunalwahl mit Kandidaten vertreten waren. Der Verzicht des Aufführens von Kandidaten der einzelnen Parteien und Gruppierungen auf der Liste vereinfachte das Verfahren. Außerdem sollte erfasst werden, in welchem Alter die Wähler sind und welchem Geschlecht sie angehören. Auf Wählerlisten wurde verzichtet. Die Kinder konnten mit einer Stimme zwischen 12 Parteien und Gruppierungen wählen.
3.5 Schulhofaktionen
Um mit den Schülern ins Gespräch zu kommen, folgte mit dem Wahlmobil ein Besuch aller zukünftigen Wahllokale. Zum Einen sollte auf den Wahltag aufmerksam gemacht werden, zum Anderen gab es eine Verteilung von Aufklebern; zu hören waren dabei Kommentare wie:
- "Was is'n das für'n Scheiß, total sinnlos."
- "Ich mach mich doch nicht zum Obst."
- "Politik ist doch nur Verarschung.".
Besonders unter den 14 - 16jährigen wollten sich wenige auf ein Gespräch einlassen. Größeres Interesse hatten in der Regel die Kinder aus den 6. und 7. Klassen. Sie wurden aufgefordert Fragen, Erwartungen und Wünsche zu formulieren, die sie an die Kommunalpolitiker ihrer Stadt haben.
Das Ziel bestand darin, zwischen Kindern und Politikern zu vermitteln und die Kinder nicht ohne Orientierung in die Wahl gehen zu lassen, denn auf die Fragen sollten auch Antworten erfolgen, die dann an die Schüler weitergereicht wurden.
Auf diese Weise wurden innerhalb der kurzen Zeit eine Fülle von Botschaften gesammelt, darunter waren konstruktive Fragen und Hinweise, aber auch Zeugnisse von Aggressivität, Desillusion bis hin
zu sehr persönlichen Wünschen, wie zum Beispiel, einen eigenen Hund haben zu wollen. Es wurde deutlich, dass es ein großes Gefälle gab. Einige Kinder waren offensichtlich mit politischen Themen vertraut und sahen sogar eine Chance durch die Möglichkeit der Meinungsäußerung, andere listeten so etwas ähnliches wie einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann auf. Viele nutzten die Gelegenheit, um mal so richtig Lehrer, Ausländer, Nazis, Politiker, Mitschüler, Raucher, Eltern, die Schule im Allgemeinen usw. zu beschimpfen.
Es gab hochinteressante Äußerungen wie:
- "Ausländer müssen raus hier", mit einem Blick zum Freund, "Damit bist du natürlich nicht gemeint, Pawel.",
- "Ich möchte mal wissen, wieso die immer so alt sind und warum das fast immer Männer machen.",
- "Der Bush, der macht doch so was wie Hitler, das ist doch der neue Hitler, hat mein Vater gesagt.".
Für einige Schüler war das Besprühen der Wahlurnen einfach eine lustige Pausenbeschäftigung. Sie bestanden aber auch darauf, dass genau diese ihre Wahlurne wird. Die Schulhofaktionen gehören zu den beglückenden und erkenntnisträchtigsten Momenten der Projektarbeit.
3.6 Orientierungsmaterial für Wähler
Mit Parteiprogrammen in kindgemäßer Form sieht es im Allgemeinen schlecht aus. Darauf war , um die potentiellen Wähler mit Informationen zu versorgen, kein Rückgriff möglich. Der Anspruch bestand aber ohnehin darin, aktuelle Themen der Halle ? Neustädter Kinder aufzugreifen und möglichst konkrete Aussagen der Politiker zu bekommen.
Aus denen, am 1. Mai und auf den Schulhöfen gesammelten Fragen und Wünschen der Kinder, wurde einen Katalog aus 5 Fragen entwickelt. (Siehe oberer Button - Wahlfragen) Es war nicht leicht, die verschiedenen Äußerungen so zusammen zu fassen, dass jede Frage einbezogen werden konnte.
Beim Sortieren wurde deutlich, dass die Kinder die Sprache der Politiker nicht verstehen, neue Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit Politik fordern und bestehende Kommunikationswege hinterfragen. Darauf beziehen sich Frage 1 und 5. Außerdem bezweifelten die Kinder das Interesse und die Kompetenz von Politikern in Kinderspezialangelegenheiten. Um eine Vielfalt der Themen zu ermöglichen und gleichzeitig Ortskenntnis zu überprüfen, entwickelten sich die Aufgaben 2 und 3. Frage 4 basiert auf der Annahme der Kinder, dass Politiker sehr viel Geld verdienen. Sie fordert sachliche und auch moralische Stellungnahme.
Die Politiker durften sich nicht einzelne Fragen herauspicken, denn die Antworten sollten im Vergleich Unterscheidungen möglich machen.
Es musste eine von Kindern beherrschbare Materialfülle entstehen. Deshalb baten wir um kindgemäße Sprache und kurze Antworten so weit es möglich war. Jede sich zur Wahl stellende Partei und Gruppierung bekam unseren Katalog und hatte eine Woche lang Zeit, Antworten zu liefern. 8 Parteien und Gruppierungen reagierten. Die Antworten wurden ins Netz gestellt, außerdem erhielt jede Schule Exemplare in der gewünschten Anzahl. Auch wurde jedes Wahllokal damit beliefert, damit am Wahltag selbst noch Orientierung möglich war.
In der Hoffnung, dass auch nach dem Wahltag mit diesem Material gearbeitet wird, wurden zusätzlich Antworten ins Netz gestellt, die Kinder auf diese 5 Fragen geben würden. Dadurch wird ein direkter Vergleich zwischen Interessen von Kindern und Jugendlichen und den Aussagen der Politiker möglich.
Die empfohlenen Kriterien zur Antwortanalyse sollen den Umgang mit politischen Aussagen erleichtern.
3.7 Wahlhelferschulung
Am 15. Mai fand in den Räumen der Begegnungsstätte "Dornröschen" eine Wahlhelferschulung statt. Zunächst sollten letzte inhaltliche Fragen geklärt werden. Wir stellten den Kindern den entstandenen Fragekatalog vor. In drei Gruppen erarbeiteten sie Antworten zu den Fragen. Sinn der Arbeit bestand darin, später einen Vergleich zu den Politikerantworten zu haben. Die Wahlordnung wurde vorgestellt und diskutiert.
Später wurde auf die Einrichtung der Wahllokale eingegangen.
Während in einer Schule Unterrichtsstunden für die Wahl zur Verfügung gestellt wurden, sollte in einer anderen die Wahl neben dem Sportfest stattfinden. In wieder einer anderen sollten die Pausen genutzt werden. So waren einzelne organisatorische Probleme abzuklären, damit die Regeln der Wahlordnung eingehalten werden konnten.
Als notwendig erwies sich auch, über die Verteilung der Flyer, Postkarten und Plakate vor den Wahlen zu reden.
Zum Schluss wurden noch die letzten Wahlurnen besprüht.
Die Wahlhelferschulung war nahezu die letzte Möglichkeit, noch anstehende Fragen der Organisation zu klären. Die Wahlhelfer bekamen ihre Wahlzettel versiegelt überreicht, Termine für die Wahlurnenlieferung wurden gemacht. Somit war eine wichtige Grundlage für die Durchführung der U16 - Wahl geschaffen. Im Anschluss wurden die Politiker mit ihren Hausaufgaben beliefert. Indessen hatten die Schüler Ferien.
3.8 Der Wahltag
Am 4. Juni 2004 fand in Halle ? Neustadt die Kinder- und Jugendwahl U16 statt. In 10 Wahllokalen hatten alle unter 16 Jahren die Gelegenheit, ihre Stimme abzugeben. Folgende Wahllokale hatten geöffnet:
- Gesamtschule "Friedrich von Humboldt"
- Sekundarschule Kastanienallee
- Sekundarschule "Novalis"
- Gesamtschule "Heinrich Heine"
- Jugendclub "Weiße Rose"
- Begegnungsstätte der AWO "Dornröschen"
Wir wurden gebeten, für die Schüler, die aus den Halle-Neustädter Schulen am Wahltag an einem gesamtstädtischen Sportfest teilnahmen, ein Mobil in die Robert - Koch - Str. zu schicken, damit auch sie wählen können. Daher gab es auch einen Standort in der Innenstadt.
Mobile Wahllokale:
- Robert - Koch - Str. - 8.00 bis 10.00 Uhr
- Peißnitz, ehem. Pionierhaus - 15.00 bis 17.00 Uhr laut Plan, Abbruch wegen Regen um 16.00 Uhr
- Einkaufszentrum Eselsmühle - 16.30 bis 18.00 Uhr
- Neustadt Centrum - 14.00 bis 18.00 Uhr
- Saale Center - 14.00 bis 16.00 Uhr
Erfahrungen in den Mobilen:
Trotz des Regenwetters fanden mit vielen Kindern Gespräche statt. Es gab sehr verschiedene Herangehensweisen an die Wahl. Kinder, die ohne Erwachsene unterwegs waren, zeigten sich aufgeschlossener der Wahl gegenüber. Waren Erwachsene dabei, entschieden diese meistens, ob das
Kind wählen darf oder nicht. Kindergruppen wählten in der Regel geschlossen. Wenn einer mitmachte, zog der Rest nach. Einige sagten sofort, dass sie in der Schule schon gewählt haben und nicht noch mal dürfen. Ein paar Kinder fielen auf, weil sie unbedingt so oft wie möglich einen Stimmzettel abgeben wollten. Teilweise, weil sie ihre Stimme verstärken wollten, andere hatten es sich schon wieder anders überlegt und wollten korrigieren.
Auf die Geheimhaltung der Stimmabgabe legte kein Kind spürbaren Wert. Es wurde im Gegenteil sofort verglichen, wer welcher Partei seine Stimme gegeben hatte. Einige sagten sofort, welche Partei ihre Eltern wählen und schlossen sich dem an. Andere kannten keinen, hatten auch keine Lust sich das Material anzuschauen und wählten lauthals und intuitiv. Der Name "Wir für Halle" erschien vielen sehr vielversprechend, ein deutliches Zeichen des Identifikationsbedürfnisses der Kinder mit ihrer Stadt.
Manche Kinder, die noch wenig über die einzelnen Parteien wussten, nahmen unser Frage-Antwort-Paket in die Hand. Meistens wählten sie sich eine Frage aus, für die sie sich besonders interessierten. Andere waren von der Seitenzahl schon abgeschreckt und blätterten nur mal quer durch, ohne sich wirklich zu orientieren. Zwei Mädchen nahmen das Material mit nach Hause, schauten es mit den Eltern an und kamen später zurück zum Wählen. Eine Gymnasiastin nahm das Orientierungspaket mit und wollte es dem Sozialkundelehrer zeigen.
Die meisten Kinder suchten eher das Gespräch und hätten sich gerne einfach beraten lassen.
Deutlich wurde, dass Wählen Spaß macht. Auch wenn die Ergebnisse keinen Einfluss auf die Ergebnisse der Kommunalwahl hatten, konnten die Kinder erkennen, dass ihre Meinung von Interesse ist.
Deutlich wurde jedoch, dass die meisten Kinder keine Strukturkenntnis haben. Sie wissen genau, was sie in ihrer Stadt stört, zum Beispiel Müll auf Spielplätzen. Aber sie können sich nicht vorstellen, dass man prinzipiell etwas dagegen tun kann (ohne es ständig selbst aufzuräumen). Die Aufgaben und Möglichkeiten von Kommunalpolitikern sind den Kinder größtenteils fremd.
Eine entscheidende Motivation zur Wahlbeteiligung bestand im spielerischen Reiz der Aktion.
Um 18.00 Uhr war der Wahl beendet.
3.9 Auswertung
Nach der Auszählung der Stimmen konnten wir feststellen, dass 805 Kinder an der Kinder- und Jugendwahl U16 teilgenommen hatten.
Die Veröffentlichung der Wahlergebnisse musste bis zum Abend des 13. Juni 2004 warten, weil dann auch die wirklichen Kommunalwahlen abgeschlossen waren. Dies geschah, um dem Verdacht der Wahlbeeinflussung entgegen zu wirken. Die einzelnen Wahllokale bekamen ihre Ergebnisse und die Gesamtergebnisse zugeschickt. Im Internet auf der Seite www.halle ? neustadt.info erschienen sämtliche Ergebnisse, statistisch geordnet nach Wahllokal, Alter und Geschlecht.
Um die Eindrücke, Kritiken und Wünsche der Organisatoren und Wahlhelfer einzuholen, wurden mit allen Beteiligten Auswertungsgespräche geführt.
Hier die Botschaften:
- U16 ? Wahl soll es weiterhin geben
- Schulen sind bereit zu unterstützen, können aber inhaltliche Arbeit nicht alleine leisten
- Genehmigungen des Schulamtes würden vieles erleichtern
- Vorbereitung muss umfassender und langfristiger erfolgen
- politische Bildung braucht ein Netzwerk
- die Reaktionen der Kinder wurde ähnlich beschrieben, wie bei den Wahlmobilen
- Wählen macht Spaß
4. AUSBLICK
Noch ist kein Netzwerk entstanden, um das Projekt fortzusetzen. Auch gab es keine Reaktionen seitens der Stadt.
Wurde das Projekt U16 - Wahl bemerkt?
Es wurde. 805 Kinder und Jugendliche haben gewählt. Mindestens an 4 Schulen wird auf die Fortsetzung des Projektes gewartet. In politischen Führungskreisen wurde die Notwendigkeit einer Partizipation von Kindern und Jugendlichen in Form von Kinder- und Jugendwahlen längst erkannt. Schließlich geht es um die Wähler von morgen.
Bei einer Wahlbeteiligung an den Kommunalwahlen 2004 in Halle von ca. 35 % der Bevölkerung, fallen sofort Begriffe wie Politikmüdigkeit, Resignation und Vertrauensverlust ein. Möglicherweise fehlen den Erwachsenen ähnliche Orientierungsmöglichkeiten, wie unseren Kindern.
Das gesetzliche Recht zu wählen setzt politische Kompetenz voraus. Wie wird sie gemessen?
Das Fazit am Ende des Projektes lautet:
- Kinder und Jugendliche sind die Wähler von heute.
- Politische Bildung ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag.
- Die Stadt Halle hat noch große Potentiale, wenn es um die Förderung von Partizipationsmaßnahmen für etwa 36000 hallesche Kinder geht. Sie sollten genutzt werden.

